Darauf müssen sich Winzer einstellen:  Wasser wird zunehmend knapp

Darauf müssen sich Winzer einstellen: Wasser wird zunehmend knapp

Interview mit Prof. Dr. Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule Geisenheim im Rheingau. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist, die Frage nach den Auswirkungen der Klimaveränderung auf den Weinbau.

Lesen Sie hier das Interview mit Professor Schultz

Her Professor Schultz, in den Zeitungen ist derzeit viel davon die Rede, dass wir nach den Hitzesommern 2018 und 2019 wieder einen heißen und sehr trockenen Sommer bekommen. Auf was müssen sich die Winzer in diesem Jahr einstellen?

Das ist tatsächlich schwierig zu sagen, denn Wetterprognosen sind von verschiedenen Faktoren abhängig und viele davon kennen wir Monate oder Wochen im Voraus noch nicht. Wir sehen aber Zyklen, die zehn, elf Jahre dauern und können sagen, dass wir uns aktuell in einem Zyklus mit Trend zur Trockenheit befinden. Wir beobachten auch starke Schwankungen. 2015 war beispielsweise ein extrem trockenes Jahr. 2016 startete dann mit einem regenreichen Frühjahr, bis sich die Wetterlage im Sommer komplett änderte und die Bedingungen für den Weinbau auf einmal sehr gut waren. Außerdem gibt es große regionale Unterschiede. Je weiter es Richtung Osten geht, desto trockener wird es zum Beispiel.

Wie kommt es zu dem aktuellen Trend zunehmender Trockenheit?

Gestiegene Temperaturen führen dazu, dass mehr Wasser verdunstet. Konkret heißt das: steigt die Temperatur um ein Grad Celsius, verdunsten sieben Prozent mehr Wasser. 2018 war die Durchschnittstemperatur von April bis Oktober (Vegetationsperiode) zum Beispiel in Geisenheim ca. 18 Grad Celsius und damit identisch mit Santiago de Chile und den Adelaide Hills in Australien am 33-34. Breitengrad Süd (Oktober-April Vegetationsperiode). Bei uns (50. Breitengrad Nord) ist es jedoch mehr als zwei Stunden länger hell am Tag, so dass bei dieser Durchschnittstemperatur mehr Wasser verdunstet. Die Verdunstungsraten steigen dabei nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter. Klimamodelle zeigen, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Das bedeutet auch für Winzer eine zunehmende Wasserknappheit.

Wie sieht es mit Starkregen aus, der in den letzten Jahren auch immer wieder zu Problemen im Weinbau geführt hat?

Wenn mehr Wasser verdunstet, muss dieses irgendwo auch wieder runterkommen. So entsteht dann Starkregen. Da kann es bei uns in Geisenheim schütten und ein paar Kilometer weiter auf der anderen Rheinseite bleibt es trocken. Die Schäden durch Starkregen können immens sein. Das Land Hessen gibt deshalb zum Beispiel eine sogenannte „Starkregen-Hinweiskarte“ aus, auf welcher besonders gefährdete Gebiete verzeichnet sind. Im Vergleich zu Landregen bedeutet Starkregen für den Weinbau – anders als man zunächst annehmen könnte – faktisch auch eine Reduzierung der Niederschlagsmenge. Das ist deshalb so, weil die große Wassermenge, die in kurzer Zeit runter kommt, nicht vollständig in den Boden einsickern kann und einiges an Wasser abläuft. Das kann auch dazu führen, dass Boden weggespült wird und es zu Erosion kommt.

Wie können Winzer auf die Wasserknappheit reagieren?

Wir brauchen im Weinbau nicht viel Wasser, aber wir brauchen es zum richtigen Zeitpunkt. Deshalb gilt: wenn Bewässerung, dann Tropfbewässerung. Das ist so, weil in unseren Breitengraden Bewässerungssteuerungen viel präziser sein müssen, als etwa in Kalifornien, wo man einfach davon ausgehen kann, dass es in den Sommermonaten nicht regnet. Wenn Winzer hier bewässern und drei Tage später gibt es Niederschlag, ist das jedoch ein Problem. Allerdings ist Bewässerung mit höheren Investitionen verbunden, und es stellt sich die Frage, wie man überhaupt an Wasser kommt.

Steillagen sind am schwierigsten zu bewässern. Oft ist Wasser auch nicht aus einem nahegelegenen Fluss verfügbar. Regenwasserauffangbecken gibt es häufig noch nicht und die Frage ist, ob sie gebaut werden dürfen. In den USA werden diese Becken wenn ein neuer Weinberg geplant wird von Anfang an mit gedacht. In unseren Weinbergen stehen dem häufig der Landschafts- und Naturschutz im Weg. Der Weinbau im Mittelrheintal gehört zum UNESCO Weltkulturerbe, da wird es noch komplizierter mit dem Wasser.

Was können Winzer zusätzlich zur Bewässerung machen?

Neben der Bewässerung ist auch das Begrünungsmanagement ein großes Thema. Hier geht es um die Frage nach der Biodiversität – also der Vielfalt im Weinberg. Die heutige Generation der Winzer hat das verstanden. Die Begrünung ist auch deshalb wichtig, weil diese die angesprochenen Starkregen abpuffern kann.

Wichtig ist auch, dass Winzer eine gewisse Flexibilität entwickeln und den Umgang mit den unterschiedlichen Wettersituationen lernen. Da kann es sein, dass in einem Jahr ganz andere Werkzeuge genutzt werden müssen als im nächsten Jahr. Es geht darum, schlagkräftig auf aktuelle Situationen reagieren zu können.

Wie hat der Klimawandel den Weinbau bereits verändert?

Den 50. Breitengrad sah man früher als den nördlichsten Breitengrad des Weinbaus an. Heute gilt das für den 57. Breitengrad. Vor 40 Jahren sorgten sich Winzer noch, ob die Trauben überhaupt reif werden und wie man dem Most die Säure entziehen kann. Heute ist es genau anders herum, die Zucker- und Alkoholgehalte sind höher, und seit dem Jahr 2000 hatten wir bei rund einem Drittel der Jahrgänge die Genehmigung Säure zuzusetzen. Auch international hat sich viel getan. So erlebt der Weinbau in England einen Aufschwung, während sich Winzer in Australien Sorgen machen, weil sie kaum Ausweich-Anbauflächen im Süden haben.

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